Ugly Green Camera

Die HOLGA – meine „Ugly Green Camera“, wie ich sie liebevoll nenne – ist keine Kamera, wie irgendeine andere. Bei ihr geht es nicht um präzise Technik oder perfekte Linsen. Sie ist auch nicht schön oder ergonomisch. Aber sie ist faszinierend! Wie Springsteen sagen würde: „You ain’t no beauty, but hey, you’re alright.“ (Eine wunderbare Liebeserklärung aus meinem absoluten Lieblingssong „Thunder Road„.)

Die HOLGA wird von Lomography mit einer Rolle schwarzem Klebeband geliefert. Warum? Weil der Filmdeckel dauernd abfällt und weil er sowieso nicht lichtdicht ist!
Aber Moment! Ist das nicht die Grundvoraussetzung einer Kamera? Ist nicht die ganz Idee seit der Camera Obscura, dass Licht nur gezielt auf das Filmmaterial, die Mattscheibe, das Fotopapier, den Chip fällt? Und nicht irgendwie und kreuz und quer? Ja! Aber die HOLGA kann das halt nicht. Sollen wir die deshalb verdammen? Sie auslachen? Uns eine andere Kamera kaufen bei der alles sexy und makellos ist? Die Antwort ist ja! Natürlich brauchen wir die bestmögliche Technik, um perfekte Bilder zu schießen. Aber das ist der Vorteil der HOLGA. Sie weiß um ihre Eigenheiten und ist stolz auf sie. Und sie ist nicht eifersüchtig. Sie erlaubt andere Kameras neben sich. Sie ist selbstbewusst genug, um zu wissen dass sie etwas besonderes hat, etwas besonderes kann, etwas besonderes ist. Sie kann magische Fotos machen.

Ihre Plastiklinse (PLASTIK!!) verzerrt das Bild, schafft scharfe und unscharfe Verläufe. Manchmal schleicht sich ein bisschen Streulicht ins Gehäuse und macht Farbblitze auf dem Film. Mal überlappen Bilder, mal passieren aus Versehen oder mit Absicht Doppenbelichtungen. Die Bilder sind also anders als man sie sonst haben will. Aber dennoch, kann man nicht umhin, sich von den Fotos verzaubern zu lassen. Sie haben eine verträumte Qualität. Manchmal sind es schöne Träume in bunten Farben und vom Weichzeichner verschönt. Manchmal huschen düstere Schatten über die Motive wie in einem Alptraum. Manchmal sind die Bilder einfach nur verwirrend… Aber wollen wir wirklich aufwachen? Wollen wir nicht doch lieber weiter träumen? Die HOLGA macht also keine Fotos. Sie macht Traumbilder. Sie folgt nur bedingt den Wünschen des Fotografen. Sie hat ihren eigenen Kopf. Aber sie spricht zu uns – oder zumindest zu mir – in einer Sprache die ich verstehe, in einer Stimme, der ich gerne lausche.

Es kann sein, dass ich der einzige bin, der die Bilder meiner HOLGA mag. Sie ist ja auch meine! Wenn Ihr Eure HOLGA gefunden habt, werdet Ihr verstehen, was ich meine. Und seid versichert. Jede HOLGA ist anders! Keine gleicht der anderen. Verschiedene Modelle, Farben oder einfach nur die ungenaue Produktion ohne Qualitätskontrollen in China sorgen dafür dass die HOLGAS so verschieden sind, wie wir.

Solltet ihr die Bilder interessant finden, dann lasst uns doch die HOLGA mal genauer unter die Lupe nehmen. Im folgenden Video habe ich sie mit auf einen Ausflug ins Folkmuseum in Oslo genommen. Ich hoffe, ihr findet den Bericht interessant.

P.S.: Die HOLGA kann einen Freude machen, sie kann aber auch in den Wahnsinn treiben. Wer mit dieser Plastikkamera knipst, verlässt sich auf die Kooperation des Zufalls, der Magie der Kamera. Normalerweise gilt der Satz: Es ist nicht die Kamera, sondern der Fotograf/die Fotografin, der/die das Bild macht. In diesem Fall ist es die HOLGA, die die Bilder macht. Wir dürfen nur dabei sein. Wunderbar! Aber nächstes Mal nehmen wir wieder einen richtigen Fotoapparat!

Hallo (Toycamera-)Welt!

Und was hast du für eine Kamera? Mit dieser Frage wird der Fotograf, die Fotografin gerne vermessen. Hasselblad, Nikon, Canon, Leica? Alles klar! Dieser Bildkünstler ist echt, vertrauenswürdig und professionell!

Was aber, wenn die Antwort lautet: „Ich benutze Toycameras mit Plastiklinsen“? Die Verwunderung ist dann meist groß. Ungläubigkeit mischt sich mit Skepsis: „Machst du Witze?“ – „Dieses Plastikding soll echte bzw. gute Fotos machen?“ – „Was kostet denn so ein Apparat? 20-40 Euro? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen!“

Die Skepsis ist natürlich nachvollziehbar. Sehen die Plastikkameras doch anders aus als ein „echter“ Fotoapparat. Dann ist da noch die Tatsache, dass sie analoges Filmmaterial verwenden. Für unkundige Zeitgenossinnen und Zeitgenossen ist das alles sehr merkwürdig.

Aber die fotografischen Ergebnisse vertreiben schnell die Vorbehalte und wecken Begeisterung. Ein gutes Bild ist eben mehr wert als 1.000 skeptische Worte. Ein gutes Bild! Denn auch für Toycameras gilt der Satz: Ausschlaggebend ist die Person hinter der Kamera, nicht die Kamera an sich. Denn so wenig, wie eine Hasselblad oder Nikon garantiert gute Bilder machen, nur weil sie teuer sind, produziert auch eine Plastiklinsenkamera keine schlechten (oder guten) Bilder, nur weil sie billig ist.

Der Griff zu einer dieser Spielzeugkameras eröffnet ganz neue fotografische Perspektiven, beglückt mit einer einzigartigen Ästhetik und ändert vor allem das Erlebnis des Fotografierens massiv.