Echte Spielzeug

wie veröffentlicht auf Lomography.de

Was der Sprachwissenschaftler in mir schon immer wusste, bestätigt die Firma CHICCO mittels der „SMILE“-Toycamera mit einem besonders sonnigem Lächeln. Denn was aus dem Ebay-Land zu mir nach Berlin geschickt wurde ist im wahrsten Sinne ein Spielzeug!

Die CHICCO SMILE ist für Kinder ab 4 Jahren gedacht – oder besser sie war es. Denn heutzutage knipsen selbst die Kleinsten digital. Einen Kleinbildfilm legen keine Mama und kein Papa mehr für den Sprössling in einen Fotoapparat. Geschweige denn bringen sie ihn zur nächsten Drogerie, warten 3 Tage auf die Bilder und liefern sie dann dem/der Juniorfotografin freihaus ins Kinderzimmer. Schade eigentlich, denn die SMILE ist ein tolles Spielzeug, wenn auch aus einer anderen Zeit. Geschätzt aus den 1990er Jahren. Das allwissende Internet liefert mir zwar keine genauen Daten über das Baujahr aber in etwa müsste das hinkommen. Trotz ihres Alters und der inzwischen eher veralteten Technik kommt sie sehr frisch daher. Viel scheint der Vorbesitzer/die Vorbesitzerin damit nicht gespielt zu haben. Kaum Gebrauchspuren. Alles sauber und selbst die Batterie macht einen frischen Eindruck. Zum Beweis lächelt das Smiley-Gesicht am Objektiv beim halben Drücken des Auslösers von kleinen Dioden erhellt freundlich auf. Das Ding ist schick und voller Tatendrang. Also, erwecke ich das Kind im Manne und ziehe mit ihr los. Zeit für einen Toycamera-Ausflug! Wofür sind Sonntage denn sonst da?

Die Bedienung ist denkbar leicht. Fixfokus, Fixblende (f6,3), Fixverschluss (keine Angaben)… alles einfach. Oder besser kinderleicht! Und wer bis drei zählen kann, macht sowieso alles richtig. Mit großen Zahlen sind alle wichtigen Schritte zum perfekten Foto auf dem bunten Plastik markiert. 1= Film spannen, 2= durch den Sucher gucken, 3=auslösen. Das klappt ja wie verrückt! Fröhlich knipsend schlendere ich Anfang Mai durch das sonnige Berlin und lichte ab, was mir interessant erscheint. Verkehrsschilder, Hunde, Sportplätze, Häuserfassaden, Wasserpumpen am Straßenrand. Frei nach dem Motto „don’t think, just shoot“ drücke ich mit großen Enthusiasmus auf die „3“. Der Filmzähler zeigt mir früher als gewünscht an, dass die 36 Bilder meines Agfa CT Precisa 100-Diafilms bereits belichtet sind. Schade! Aber ich bin auch sehr gespannt, was das geplante cross-processing-Verfahren zu Tage fördert. Gleich am Montag geht der 35mm-Film ins Labor.

Bei meinem Spaziergang genieße ich die verwirrten Blicke der Passanten, die mich scheinbar für einen totalen Freak halten. Die gelb, rot, blau, grüne-Kinderknipse sieht auch zu komisch aus! Wenn die wüssten, dass ich das alles für einen guten Zweck machen… nämlich im Dienste wieder dem fotografischen Ernst! Oder anders: aus Jux und Dollerei.

Die Bilder, die mir das City Lab in Berlin Kreuzberg liefert sind wirklich klasse. Mein Plastiklinsenherz pocht schneller als ich die knackigen Farben, die schwimmenden Unschärfen und die Überlappungen zwischen verschiedenen Frames sehe. Dieses kleine Plastikteil kann es locker mit den Freunden der Lomowelt aufnehmen. Eine echte Alternative zu den bekannteren Toycameras. Nehme sie doch nur Mittelformatfilme… Aber man kann ja nicht alles haben. Für kleinstes Taschengeld kam sehr viel Freude in meine Kamerasammlung, die stetig wächst und mir regelmäßig eine Dosis Lächeln verpasst!

Hier eine kleine Auswahl der Bilder von der ersten (aber nicht letzten!) Rolle meiner CHICCO SMILE.

Hallo (Toycamera-)Welt!

Und was hast du für eine Kamera? Mit dieser Frage wird der Fotograf, die Fotografin gerne vermessen. Hasselblad, Nikon, Canon, Leica? Alles klar! Dieser Bildkünstler ist echt, vertrauenswürdig und professionell!

Was aber, wenn die Antwort lautet: „Ich benutze Toycameras mit Plastiklinsen“? Die Verwunderung ist dann meist groß. Ungläubigkeit mischt sich mit Skepsis: „Machst du Witze?“ – „Dieses Plastikding soll echte bzw. gute Fotos machen?“ – „Was kostet denn so ein Apparat? 20-40 Euro? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen!“

Die Skepsis ist natürlich nachvollziehbar. Sehen die Plastikkameras doch anders aus als ein „echter“ Fotoapparat. Dann ist da noch die Tatsache, dass sie analoges Filmmaterial verwenden. Für unkundige Zeitgenossinnen und Zeitgenossen ist das alles sehr merkwürdig.

Aber die fotografischen Ergebnisse vertreiben schnell die Vorbehalte und wecken Begeisterung. Ein gutes Bild ist eben mehr wert als 1.000 skeptische Worte. Ein gutes Bild! Denn auch für Toycameras gilt der Satz: Ausschlaggebend ist die Person hinter der Kamera, nicht die Kamera an sich. Denn so wenig, wie eine Hasselblad oder Nikon garantiert gute Bilder machen, nur weil sie teuer sind, produziert auch eine Plastiklinsenkamera keine schlechten (oder guten) Bilder, nur weil sie billig ist.

Der Griff zu einer dieser Spielzeugkameras eröffnet ganz neue fotografische Perspektiven, beglückt mit einer einzigartigen Ästhetik und ändert vor allem das Erlebnis des Fotografierens massiv.